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preread ~ Das Mädchen WADJDA

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am bundesweiten Vorlesetag, am 18. November 2016, ist das Buch “Das Mädchen WADJDA” unser Vorlesebuch in der Gruppe der Mädchen (12 – 17 J.) in einer Obhut der Ev. Jugendhilfe Godesheim, Bonn

mich hat das Buch so begeistert, dass ich von Beginn an auf kleine rosa Hafties stichwortartig mitgeschrieben habe. Das ist entstanden:
„Mein“ Das Mädchen WADJDA

Vorerst: Schlussgetrauer

nachdem ich die letzten Worte gelesen, die letzten Seiten davor wie im Schleierflug nur sinnhaft wahrgenommen, 25.10. 19:42,

Du wirst es nicht glauben,

Chéri,

ich hab’s geschafft – und sitze schluchzend hier, überwältigt von einer geschilderten Geschichte voller anders-kultureller Eigenheit, nicht glaubend, dass diese Parallelwelt existiert.

Aller Schmerz über eine Welt der anmaßenden Beschränkung und Reglementierung bricht sich Bahn und sucht die Straße hin zum Licht, zu Frieden und Harmonie zu Geltenlassen und Freundlichkeit ~ die Straße der vielen, aller, die neben- und miteinander gewaltlos im Vorwärts ihre Leben gestalten.

~

Danke, dass Du mir diese Zeit schenkst.

In Liebe

Ingrid

Wobei: nun Freudenbotschaft

Mit

Wonne, Neugier, Herzklopfen, Auszeit, Empathie, Beschenktheit

habe ich dieses Buch gelesen. Von der ersten Seite an wirkte in mir der unentziehbare Sog in eine Welt ~ aus Sicht eines „kleinen“ Mädchens (be-)ge-schrieben ~, eine Welt, in die in Realität einzutreten, mein Wunsch weder jemals war noch ferner sein wird.

Wer mag, komme mit mir auf die Reise in kristallische Szenen aus dem Buch. Ihnen, den anderen schicke ich ins Herz, dieses Buch in seiner Strahlkraft von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

1. Kapitel
(7) Wadjda [WADJDA وجدة (sprich: wie engl. „watch“, also „watch“ und drangehängt „da“)] dachte überhaupt nicht an ihre Eintrittskarte ins Paradies. Das sah man an ihrem Gesicht.
Genau genommen sang sie nicht mal davon, sie bewegte nur die Lippen und wiegte sich im Rhythmus des Liedes, das von den anderen Mädchen der Klasse gesungen wurde. Dabei wanderten ihre braunen Augen ruhelos durch die Aula. Vielleicht gab es da ja irgendwas Interessanteres zu entdecken. …
(8) Auf dem Plakat neben ihr war zu lesen: Meine muslimische Schwester, hüte dich vor den Wölfen in Menschengestalt – den Männern. Beschütze deine Ehre vor denen, die dich töten wollen:
Wadjda lächelte, als sie versuchte, sich ihren Freund Abdullah als Wolf vorzustellen.
Na ja, dachte sie, schwarze Haare hat er ja – irgendwie schon wie ein Wolf. Aber er hat nichts Wildes an sich. Er ist eher wie ein Hamster! …
(20) Sie [Wadjda] fand, dass ihre Mutter die schönste Frau der Welt war. Das seidige Haar fiel wie ein schwarzer Fluss bis zur schmalen Taille. Es war so dick, dass Wadjdas Mutter es kaum unter der abaya und der burqua bändigen konnte. …
(27) Wadjda machte sich [auf den Weg] zur Schule und zuckte zusammen, als – wusch! – ein Stein an ihr vorbeisauste. Er traf eine weggeworfene Limodose, die scheppernd über den Gehweg rollte.
Erschrocken schaute Wadjda hoch und sah ihren Vater. Er lächelte und warf einen weiteren Stein in die Luft. Ihr Herz ging auf. Sie hatte gleich gewusst, dass er es war. …
(28) [Wadjda] „Wo warst du so lange, abu?“ … Ihr Vater antwortete nicht. … holte einen schwarzen glänzenden Stein aus der Tasche. … Wadjda nahm ihm den Stein aus der Hand. Sie strahlte. … Sie stellte sich vor, … Wie er ihn aufgehoben und in der Hand gehalten hatte – und an sie gedacht hatte. Seine Tochter.

2. Kapitel
(16) Der warme Duft nach Kardamom und Safran kitzelte Wadjda wach. Der tranditionelle saudische Kaffee kochte in der Küche, und sie hörte, wie ihre Mutter Vorbereitungen für den Tag traf.
Wadjda liebte ihr Zuhause. Es war alt und gemütlich, hier war sie geboren worden. Sie konnte sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu wohnen. Perfekt war es natürlich nicht. …

3. Kapitel
(30) Ich sehe sehr cool aus, dachte Abdullah. Cool und erwachsen.
Er stellte gerade einen großen Plakatständer auf. Sein Onkel Abdulhakeem bin Hamad bin Musaid Al Toofi hatte ihm den Auftrag gegeben, das überall in der Stadt zu tun. …
Die Familie von Abdullah war bedeutend, und Blutsverwandtschaft und Verbindungen waren der sicherste Weg an die Spitze. …
(33) Schon hatte sich Staub auf das Plakat gelegt, winzige Körnchen, die der Wind herantrug, der Riad ständig mit Sand bedeckte. Staub lag auch auf Abdullahs Fahrrad, …
Aus dem Augenwinkel sah Abdullah Wadjda näher kommen, sie aß ein Frühstückssandwich. Er strich sich die Haare (34) glatt, straffte die Schultern und richtete sich zu voller Größe auf. Wadjda schien das nicht zu bemerken. Sie sah sich das Plakat an und lachte….

4. Kapitel
(38) … Während sie [Wadjda] abgelenkt war, setzte Abdullah sein Fahrrad wieder in Bewegung. Die Sonne blitzte auf dem Metall, Wadjda wirbelte herum und sah ihn davonfahren. Ihr Schleier baumelte frech an seiner Hand, er ließ ihn im Dreck schleifen!
„Dich krieg ich, du Mistkerl!“ brüllte Wadjda. Wutentbrannt rannte sie hinter ihm her. Abdullah schaute sich um und sah, wie sie angesprintet kam. Er fuhr langsamer. Halb aus Mitleid – halb aus Furcht. Wenn Wadjda sauer war, sollte man sie nicht noch mehr reizen. Und er hatte sie heute Morgen schon reichlich gereizt.
Gerade als Wadjda die Hand ausstreckte und ihm den Schleier wegriss, stolperte sie und fiel hin – dieses Mal mit noch mehr Wucht. Aua! Der Schmerz schoss ihr durch Knie und Ellenbogen. Doch damit nicht genug, sie war in die einzige Matschpfütze geklatscht, die es im trockenen Riad gab. …
(39) „Du Vollidiot! Du bist so blöd! So kann ich doch nicht zur Schule gehen!“ …
(40) [Abdullah] „Tja, sieht ganz so aus, als ob du zu spät kommen würdest. Und voller Matsch bist du auch. Weißt du was? Wenn du auch so ein blödes Fahrrad hättest, könntest du nach Hause dahren und dich umziehen! Aber du hast keins. Also geht das wohl nicht.“ …
(41) Wadjda seufzte und rannte los. In der Ferne konnte sie immer noch die Jungen auf ihren Fahrrädern sehen, so fröhlich und frei. Wie schnell sie waren auf ihren Rädern! Wie Vögel flogen sie durch Riad.
„Ich werde auch eins haben!“, sagte Wadjda laut. Es klang wie ein Schlachtruf.

5. Kapitel
(42) Wadjda kauerte sich in den schmalen Schattenstreifen, den das Gebäude an der Ecke vor ihrer Schule warf, und überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Wie kam sie rein, ohne aufzufallen? …
(45) Im Schatten des Schultores sah sie Fatin und Fatima ein Stück weiter vorn. Wie erwartet sah sie auch Ms Hussa. Die Rektorin stand an ihrer üblichen Position, sie trug ein wunderschön besticktes schwarzes Oberteil über einem perfekt sitzenden, langen, schwarzen Bleistiftrock. Die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt, und sie lehnte an der Trennwand, die dazu da war, die Mädchen vor Blicken zu schützen, wenn das Schultor offen stand. Das riesige Bild einer voll verschleierten Frau war darauf gepinselt worden. Darunter stand in großen Buchstaben: Das ist der perfekte hidjab für alle Schulmädchen. …
(47) … [Ms Hussa] „Ruhe, Mädchen! Ihr seid nicht weit weg vom Tor. Ihr dürft nicht so laut lachen! Sollen die Männer euch hören? Die Stimme einer Frau ist etwas Intimes.“ …

6. Kapitel
(49) … Es war die erste Religionsstunde des Tages, noch vier weitere würden folgen, bevor es zum Schulschluss klingelte. Einige waren schnarchlangweilig, zum Beispiel Vererbungsrecht, wie es der Koran und die Imame lehrten. …
(50) … Ms Noof, die nicht nur den Chor leitete, sondern auch den Koranunterricht, schrieb an die Tafel: Teilnahmeantrag für den Religionsclub: Koranrezitationswettbewerb. …
„Der Wettbewerb findet in gut fünf Wochen statt“, sagte sie und sah die Schülerinnen der Reihe nach an. „Das ist eine sehr wichtige Veranstaltung, da habt ihr die Gelegenheit, euren Glauben und eure Hingabe an Gott zu zeigen. Mit harter Arbeit und Frömmigkeit wird eine von euch gewinnen.“ …
(51) [Ms Noof] „Das ist eine Gelegenheit für euch, im Licht der Größe Allahs zu glänzen und die Führung zu feiern, die er uns im Koran gibt.“ …
Am Ende dieses wieder einmal nervtötenden Schultages stand Wadjda endlich in der Mädchenmenge hinter der Trennwand. Es war Zeit, sich in die Außenwelt hinauszuwagen. Seufzend zog Wadjda ihre verdreckte abaya über die graue Schuluniform. Alle anderen Mädchen aus ihrer Klasse machten es genauso.
Die Arme gingen hoch und runter und der Schulhof verwandelte sich in ein Meer von Schwarz, …
(52) In kleinen Gruppen würden sie in ihre Busse oder das Auto ihres zugewiesenen Fahrers steigen. …
Und, das war das Wichtigste, sie [Ms Noof] achtete darauf, dass der Ausgangspass jeder Schülerin korrekt und auf dem letzten Stand war. …
Jedes Mädchen in der Schule musste einen Ausgangspass vorzeigen. Darauf waren die Familienmitglieder oder Fahrer aufgeführt, die sie abholten, und welches der zugelassenen Transportmittel sie benutzen würden, um nach Hause zu gelangen. …
(54) Dass sie [Wadjda] allein nach Hause gehen durfte, machte sie stolz. …
(56) … Und genau in diesem Moment, über dem Zaun am anderen Ende des Geländes, erschien ein Traumbild am Himmel, Ein wunderschönes, glänzendes, grünes Fahrrad! Es hing in der Luft und funkelte in der Sonne.
Mit offenem Mund stand Wadjda da, erstaunt und ungläubig. Aufregung kribbelte ihr bis in die Finger- und Zehenspitzen. Das war doch nicht echt? Das konnte nicht sein! Sie blinzelte, sie schüttelte den Kopf. Sie schob ihren Schleier zurück und entblößte ihr Gesicht fast vollständig – und sie riss die Augen so weit auf, wie es nur ging.
Das Fahrrad schwebte immer noch über dem Zaun, es bewegte sich kein bisschen. An der stelle, an der die Holzbretter auf den Himmel trafen, schien es zu warten, bereit zu einer Fahrt.
(57) Eine gefühlte Ewigkeit lang starrte Wadjda das Rad nur an. Sie ließ den Arm sinken und steckte ihren schwarzen Stein in die Tasche. Ihr Blick klebte an dem Fahrrad. Es war wie ein Traum. Der schönste Traum, den sie je gehabt hatte.
Plötzlich setzte sich das Fahrrad in Bewegung, es glitt auf dem Zaun entlang, die Pedale drehten sich langsam im Kreis, wie von unsichtbaren Füßen getreten. Am Ende des Zaunes kam es ganz in ihr blickfeld und da sah Wadjda dann, dass ihr wunderschönes grünes Fahrrad oben auf einem Lieferwagen stand. …
(60) … Und es ist auch ein Mädchenrad, bemerkte Wadjda. Das sah man an dem tiefen Einstieg zwischen Lenker und Sattel – da war Platz für Röcke, sie sie die Mädchen in ihren Zeitschriften trugen. Verwirrt zog Wadjda die Nase kraus.
Warum bestellte der [Laden-]Besitzer wohl ein Mädchenrad? Welches Mädchen würde denn auf einem Fahrrad durch die Straßen von Riad fahren?
In dem Augenblick, in dem Wadjda diese Fragen in den Sinn kamen, war es ihr auch schon glasklar: Das hier war ihr Fahrrad. Sie war das Mädchen, das damit fahren würde! …
(61) …[Der Ladenbesitzer] „Es kostet achthundert Riyal. Ich glaube, das ist zu teuer für dich.“ …

7. Kapitel

(66) … [Wadjda] „Weißt du, wann wir quitt sind? Wenn ich auf meinem neuen Fahrrad gegen dich gewinne! Bald schlag ich dich in jedem Rennen.“
„Was?“ Abdullahs entschuldigender Ton war wie weggeblasen. „Du machst wohl Witze, Wadjda! Mädchen können keine Fahrräder haben!“ …
(67) Als Wadjda sah, wie die eingeschüchterten Arbeiter auf die Ladefläche des Lieferwagens kletterten, wurde sie ganz traurig. Sie tatsn ihr leid, trotz des unverschämten Verhaltens. Sie hätte ihnen gern gesagt, dass sie netter sein sollten, dass sie alle zusammen hier festsaßen. Dass sie ihren Frust nicht an kleinen Mädchen auslassen sollten und dass es echte Wunder im Universum gab und jeder eine Bestimmung hatte. Ihr eigene hatte sie heute vielleicht gesehen – in der Gestalt eines grünen Fahrrads. …

8. Kapitel
(68) … Vorsichtig hob Wadjda einen Deckenzipfel und schaute sich ihr Lieblingsbild an.
Vier Mädchen, von oben bis unten in abayas gehüllt, glitten auf Schlittschuhen durch eine öffentliche Eishalle. Das Foto hätte im Einkaufszentrum ihres Viertels aufgenommen worden sein können, da gab es eine große Eisbahn. Das schöne Oval aus glitzerndem Eis sah aus wie ein Juwel in der mitte des großen Gebäudes, einem hypermodernen Labyrinth aus zahallosen Korridoren. Wadjda hatte ihre Mutter angefleht, sie dort (69) eislaufen zu lassen, aber ihre Mutter hatte das immer abgelehnt. Das Einkaufszentrum war das Herz des gesellschaftlichen Lebens in Saudi-Arabien – nicht nur für Jugendliche. Die Erwachsenen lebten es auch. Aber Wadjda hatte keinen Fahrer und Mädchen in ihrem Alter durften nicht allein ins Einkaufszentrum gehen.
(73) Den Bruchteil einer Sekunde überlegte Wadjda, ob sie es ihrer Mutter nun sagen sollte oder nicht. Wenn ihre Mutter nicht einverstanden war, war es fast unmöglich, das Fahrrad zu bekommen.
Aber sie konnte nicht anders. Sie schlug alle Vorsicht in den Wind und platzte heraus. “Ich kaufe mir ein Fahrrad, damit ich mit Abdullah Al Hanofi um die Wette fahren kann! Vielleicht in zwei Wochen, wenn die Geschäfte gut laufen! [Wadjda verkauft – unerlaubt – in der Schule selbst geknüpfte Armbänder und Kassetten mit Musik, die sie aus dem Radio aufnimmt] (74) Ihre Mutter ließ die Teller scheppernd in die Spüle rutschen. Als ihr klar wurde, was Wadjda da gesagt hatte, verfinsterte sich ihre Miene. Genau so guckte sie, wenn sie wütend war, weil Wadjdas Vater tagelang zu Besuch bei seiner Mutter war.
„Ein Fahrrad?“ wiederholte sie. …
„Und diesen Farradkauf kannst du dir aus dem Kopf schlagen! Was für ein aberwitziger Plan! Ein Fahrrad! Hast du schon mal ein Mädchen Rad fahren sehen?“

9. Kapitel

10. Kapitel
… (83) Wenn man in Saudi-Arabien nicht das Glück hatte, als Junge auf die Welt zu kommen, brauchte man eine schriftliche Erlaubnis von den Eltern für fast alles, was man machen wollte. Mädchen waren dazu verdammt, Wege zu finden, dieses ungerechte System zu umgehen. Je älter man wurde, desto schwieriger wurde es. …
Sie erinnerte sich daran, wie sie einmal mit ihrer Mutter zur Hochzeit einer Kusine mit dem Zug von Riad nach Dammam fahren wollte. Sie waren wieder nach Hause geschickt worden, weil sie keine Erlaubniserklärung von ihrem Vater für diess Reise dabeigehabt hatten. …
(85) [Ms Hussa] „Bilder von Menschen und lebenden Wesen sind verboten –“ … „… Der Westen versucht stets, die muslimische Jugend mit seinem Gift anzustecken. Solche Filme solltet ihr euch nicht ansehen.“

11. Kapitel

12. Kapitel

(94) Ihre Stimme war wunderschön, genau wie die von Talal Maddah. Wadjda sah die Mutter an und eine Welle der Bewunderung stieg in ihr auf. …
„Wünschst du dir nicht, du wärest eine Sängerin, ummi? Du hast die wunderschönste Stimme der Welt!“ …
…“Niemals! Gott möge mich vor dem bewahren, was du da gesagt hast!“ Sie lächelte, fügte aber streng hinzu: „Denk daran, Wadjda, die Stimme einer Frau darf nicht bis vor die Haustürdringen. Es ist wichtig, dass du das nie vergisst. …
(95) Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, beschloss Wadjda, die gute Laune der Mutter zu nutzen.
„Ich hab schon siebenundachtzig Riyal gespart“, platzte sie heraus. „Nun brauche ich für ein Fahrrad nur noch …“
„Was? Fängst du schon wieder davon an?“ Ihre Mutter fiel ihr ins Wort. „Ich dachte, du hättest es verstanden, Wadjda. Das Thema ist abgeschlossen. Du bekommst kein Fahrrad. Das ist haram! Hör bitte auf.“ …
Wadjda zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach einem fröhlichen Thema. Plötzlich fiel ihr eines ein …
„Ms Hussa hat gesagt, ich muss ab sofort in der vollständigen abaya zur Schule kommen.“ …
„Oh, die abayat ar-ra’s!“ Die Mutter schnappte sofort nach dem Köder. „Da wird jemand zur Frau. Und so schnell! Beinahe über Nacht. Hm, vielleicht wird es Zeit, dass wir dich verheiraten? Was meinst du?“
„Haha. Das ist nicht witzig.“

13. Kapitel

(98) „Die Hochzeit deines Onkels steht an“, sagte sie [die Mutter] so, als hätte sie den ganzen Nachmittag an nichts anderes gedacht. „Ich muss mir etwas sehr Hübsches zum Anziehen kaufen. Du weißt schon, damit all die anderen Frauen wissen, mit wem sie konkurrieren, wenn sie sich für deinen Vater interessieren.“ [bei diesem Hochzeitsfest geht es auch darum, dass der Vater von Wadjda nach einer Zweitfrau Ausschau halten „soll/will“] …
Hochzeiten fanden in zwei getrennten Bereichen statt, einem für Männer und einem für Frauen. Die beiden Feste hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die Männer tranken in ihrem Bereich Kaffee und Tee und … sonst? …
(99) Ein krasser Gegensatz zu den schnarchlangweiligen Festen der Männer waren die Partys der Frauen. Die wussten zu feiern. Hochzeiten boten den Frauen die einzige Gelegenheit, sich verführerisch zu kleiden – und das nutzten sie voll aus. …
… Und Frauen, deren Ehemänner beschlossen hatten, sich neue, jüngere Frauen zu nehmen, führten einen ganz besonderen Tanz auf, mit dem sie zeigten, dass sie durchaus noch da waren, obwohl sie in den Stand der „zweiten Ehefrau“ verbannt worden waren. … es war nicht ungewöhnlich, dass Männer mehrere Ehefrauen hatten (100) – aber die Frauen wollten mögliche Rivalinnen trotzdem einschüchtern. …
(104) … „Keine Sorge, Wadjda. Wir verheiraten dich nicht … Jedenfalls jetzt noch nicht.“

14. Kapitel

(106) Sie … verfolgte das Spiel des Vaters, aber es war langweilig – das übliche Metzeln, Brüllen und Töten [Videospiel]. …
(108) Die Mutter hatte sich so schön wie möglich gemacht – und das bedeutete sehr schön. …
„Wadjda, sieh nur! Ei Filmstar!“ Der Vater strahlte vor Freude und lehnte sich zurück, plötzlich ganz entspannt. „Keine andere ist wie sie. Sieh dir dieses Haar an, wie ein wunderschöner schwarzer Wasserfall!“ …
„Ein Filmstar, was? Schmeichler! Eine winzige Pause. Und als sie [die Mutter] wieder etwas sagte, war der scherzhafte Ton verschwunden. Jetzt klang sie verbittert. „Da frag ich mich, warum diene Mutter in der ganzen Stadt Erkundigungen für dich einholt und versucht, eine neue Braut für dich zu finden.“ …

15. Kapitel

(112) Vor der Strafe, die Mädchen in Abeers Alter erwartete, wenn sie mit Jungen erwischt wurden, konnte man sich doch nur fürchten. Diejenigen, die Glücjk hatten, wurden zu einer sofortigen Heirat gezwungen. Und die mit weniger Glück wurden öffentlich ausgepeitscht, oft vor einer Menschenmenge. …

16. Kapitel

(120) „Mädchen, unsere Rektorin ist hier, sie wird die Regeln für den Koranrezitationswettbewerb erläutern – und eine besondere Ankündigung machen“, sagte Ms Noof. „Dann geben wir die Meldeliste herum.“ …
(121) „Mädchen, wir haben das Preisgeld erhöht. Die Gewinnerin wird jetzt statt achthundert ganze tausend Riyal erhalten. …“
(122) Die Meldeliste fiel auf Wadjdas Tisch. … Mit kräftigen schwarzen Strichen setzte Wadjda ihren Namen auf die Liste der Teilnehmer. Sie schrieb ein wenig größer als die anderen, für alle Fälle. …
(123) „Ich will dem Religionsclub beitreten!“, verkündete Wadjda. ..

17. Kapitel
… (125) Für Wadjda fühlte sich dieses Rad mittlerweile lebendig an und war so viel mehr als Speichen, Räder und Chrom. Es war ein Freund, ein Gefährte in einem Abenteuer. Doch es war auch eine Tür, durch die sie an all die Orte gelangen würde, von denen sie geträumt hatte. …
(128) … [der Ladenbesitzer] „Kannst du überhaupt Rad fahren?“
„Rad fahren?“ Wadjda zog die Augenbrauen hoch und verschränkte kämpferisch die Arme. Mit beiden Füßen fest auf dem Boden fühlte sie sich stark wie ein Baum. „Ich fahre mit dem Wind um die Wette.“
Ein triumphaler Abgang! …

18. Kapitel

19. Kapitel
… (133) Die sonst so schöne Stimme der Mutter erhob sich zu einem schrillem Kreischen. In jedem Wort zitterte die Wut. „Für ein Fahrrad? Ich schwöre, Wadjda, dieses Ding kriegst du niemals, solange ich lebe! Denkst du, ich warte nur drauf, dass du von der Schule geworfen wirst?“ …
(137) … [Streit zwischen Vater und Mutter wegen Geld, das die Mutter braucht, das der Vater ihr nicht gibt] „Und was ist mit der Mitgift? Mein gut aussehender Ehemann könnte doch ein bisschen von diesem Vermögen ausgeben!“ Die Stimme der Mutter klang gemein, als sie „gut aussehender Ehemann“ sagte.
„Glaubst du denn, für mich ist es leicht?“ Die Stimme des Vaters war noch lauter und wütender als die der Mutter. „Glaubst du, ich will bald zwei Familien ernähren müssen?
(138) Aber ich habe keine Wahl! ich bin das Gespött der Stadt. Irgendwie muss ich diesen Sohn kriegen, den du mir nicht schenken kannst!“ …
„Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, wie viel Zeit du bei deiner Mutter verbringst? Dass du jeden Abend über infrage kommende Bräute redest?“ …

20. Kapitel

(144) … [Wadjda] lehnte sich an die hüfthohe Mauer, die um die Dachfläche ihres Hauses lief. …
Der Streit de rEltern belastete sie noch immer … Hier oben aber spielte er [der Wind] mit Wadjda, flüsterte ihr zu: Ich bin bereit zu diesem Rennen.
Dieser Ort barg viele Erinnerungen … Wenn es trocken war, legte sie [die Mutter, in den Winternächten] drei Matratzen nebeneinander: Mutter, Vater und Wadjda in der Mitte. …
… Unter freiem Himmel zu schlafen, erinnerte die Saudis vielleicht an ihr Nomadenleben in der Wüste, früher, ehe das Öl und die riesigen Betongebäude, die von dem Öl bezahlt worden waren, das Land übernommen hatten. …
(145) Diese Nächte habe ich geliebt, dachte Wadjda. Als sie noch ganz klein gewesen war, hatte ihr Vater sie in den Arm genommen und ihr leise alte Märchen erzählt. … Bei klarem Himmel hatten Wadjda und ihr Vater die Sterne gezählt …
[die Mutter] „Die alten Weiber sagen, dass man vom Sternezählen Warzeh kriegt. Das wisst ihr doch.“ …

21. Kapitel
… (147) [Wadjda] All das Gezeter und Getue über Unsittlichkeit langweilte sie zu Tode. Und sie sorgte sich auch nicht, dass ihre Mutter ihre Drohungen wahrmachen, und sie verheiraten könnte, …Es war nur so, dass sie eine Mission zu erfüllen hatte. … aber sie brauchte Hilfe … (148) Und Abdullah war der Einzige, auf den sie zählen konnte. …
(149) „Weißt du, wie man nach Adira kommt?“ fragt sie.
… Ohne weitere Erklärungen zogen sie zusammen los.
Wadjda saß auf Abdullahs Gepäckträger …
(155) [in Adira beim Fahrer Iqbal, der die Mutter nicht mehr fahren will, weshalb sie ihre Lehrerinnenstelle verlieren könnte – Anlass des Streits wegen Geld mit dem Vater] „Sie können nicht einfach mitten im Semester aufhören, meine Mutter zur Arbeit zu fahren!“ [Iqbal ist wütend und will Wadjda hinauswerfen, worauf sich Abdullah erfolgreich einmischt, Mission erfüllt!]

22. Kapitel
… (157) So glücklich hatte sie Abdullah noch nie gesehen. Auf Iqbals Hof war er wie der Ritter im Märchenbuch gewesen, so tapfer und mutig. Das waren sie beiden gewesen. Bei diesem Gedanken lachte Wadjda auch, glücklich und erleichert.
Es hatte geklappt. Und in Abdullah hatte sie einen wahren Freund, der bereit war, ihr immer beizustehen. Sie war stolz. …
(158) [Wadjda zu Abdullah] … „Weißt du, was passiert ist?“
„Der Sohn ist beim Kampf im Irak gestorben. Eine Bombe.“
Wadjda macht große Augen. „Das muss schrecklich wehgetan haben!“
„Nein“, widersprach Abdullah. „Wenn du für Gott stirbst, spürst du nicht mehr als einen Nadelstich – es tut kaum weh. Dann fliegt man in den Himmel und kriegt siebzig Jungfrauen – ganz für sich allein.“ …
(159) „Tatsächlich?“ Wadjda kicherte, obwohl sie das gar nicht wollte. Wie Abdullah von siebzig Frauen sprach! Zum Totlachen. Er versteckte sich ja schon vor seinen Freunden, wenn er bloß mit einem Mädchen redete! Ehrlich, die ganze Geschichte klang ziemlich albern, genauso wie die Sache mit der Zahnfee. Ihre Mutter hatte behauptet, die würde ihr für besonders saubere Zähne noch mehr Geld geben. …

23. Kapitel

(162) Ha! Wadjda wusste schon seit Jahren, dass ihre Mutter rauchte … Doch das musste geheim bleiben … Nur liederliche Frauen rauchten – Schauspielerinnen oder billige Models, die sich für ausländische Zeitschriften fotografieren ließen. Ihre eng anliegenden Kleider mit den entblößten Armen und freien Bäuchen musten von den Zensoren mit Filzstift geschwärzt werden, bevor die Zeitschriften zum Verkauf angeboten wurden. …

24. Kapitel
… (167) Obwohl Wadjda beim albernen Gekicher ihrer Mutter [die mit dem Vater telefonierte] die Augen verdrehte, war sie überglücklich, dass die Eltern nach ihrem furchtbaren Streit wieder miteinander redeten. Das Glück prickelt in ihr, vom Kopf bis zu den Füßen.
„Wenn ich das Original bin, warum guckst du dann nach Imitationen?“ trällerte die Mutter ins Telefon. …
(169) …Neun oder zehn Frauen legten einen Teil ihres Gehalts beiseite [System der djama’a]. Jeden Monat bekam eine von ihnen das Geld, sie wechselten sich immer ab. So zwangen sie sich auf kreative Weise zum Sparen. Die Verpflichtung gegenüber den anderen hielt sie bei der Stange. …
… (171) [Abdullah klingelt bei Wadjda und ihrer Mutter] „Hey, ummi!“, rief sie [Wadjda], „Abdullah Al Hanofi möchte unser Dach benutzen, wei er eine Lichterkette für die Wahl anbringen muss, damit sein Onkel – der mit dem Riesenschnurrbart – gewinnt.“ …
[ummi] „Und diesem Jungen sagst du, dass er gehen soll. Sein Onkel gehört nicht mal zu unserem Stamm! Wir werden ihn nicht wählen und ihm erst recht nicht mit seiner Lichterkette helfen.“ …
(172) [Wadjda unterläuft das Verbot der Mutter] „Ich lasse dich aufs Dach“, sagte sie lässig. „Wenn du dein Fahrrad mitbringst.“

25. Kapitel

(175) [die Mutter und Leila] Auf den langen Fahrten waren sie gute Freundinnen geworden und abends hatten sie immer noch endlos miteinander telefoniert. Wadjda hatte diesen Gesprächen oft gelauscht, daher wusste sie, dass Leila und die Mutter sich gegenseitig heimlich unter ihren Schleiern Modezeitschriften zusteckten, manchmal sogar Liebesromane! … Die anderen Lehrerinnen waren viel zu konservativ, um der Mode westlicher Frauen zu folgen – und von Männern und Frauen zu lesen, die sich küssten. Um Himmels willen! …
(176) ,,, [Leila] „… Ehe ich es vergesse, im Krankenhaus stellen sie Personal ein. Denk drüber nach. Es ist nicht so weit weg wie deine Schule …“
[die Mutter] „Mein Ehemann würde mich umbringen. Er ist so eifersüchtig. Dass andere Männer mich sehen könnten, ist für ihn unerträglich.“ …

26. Kapitel
(177) … An der Wand unter einem großen Schild mit der Aufschrift Innere Moschee hingen Plakate mit Anweisungen, wie man sich zu waschen und wie man das rituelle Gebet durchzuführen hatte. Die Zeichnungen waren detailliert, Kästchen um Kästchen mit winzigen Figuren, die jeden Schritt der komplizierten Riten ausführten. …
wenn der Religionsclub zusammenkam, wurde das Klassenzimmer zur Moschee. …
Hier zwischen den Keuschesten der Keuschen kam Wadjda sich fehl am Platz vor, wie ein Wolf im Schafspelz. Aber sie hatte keine Wahl …
(178) … [Ms Noof] „Vorab ist zu sagen: Ich weiß, dass einige von euch ihre Periode bekommen haben. Denkt daran, in dieser besonderen Zeit dürft ihr den Koran nicht berühren.“ …
„… Während ihrer Periode ist eine Frau nicht tahara [sauber und rein]. … „Fasst das Buch nicht direkt an. Ihr müsst ein Taschentuch oder eine Serviette benutzen. Vergesst das nicht. Da gibt es nichts zu lachen. Ihr seid jetzt junge Frauen. (179) Eure Körper sind empfindlich, wie Blumen. In jeder Ecke lauert Gefahr. Zum Beispiel …“, ihr Blick fiel auf Wadjda, „könntet ihr eure Jungfräulichkeit verlieren, wenn ihr auf einem Pferd reiten würdet oder Ballett tanzen wie diese Ungläubigen im Westen.“ …

27, Kapitel

(184) …, wenn sie [Wadjda] keinen festen Plan gehabt hätte. Aber den hatte sie. … Eine Sekunde später kam sie mit dem Spiel Lerne den Koran – auf leichte Art in den Händen …
„Ist für die Schule“ sagte sie. „Wie viel?“
… „Nur achtzig Riyal“, sagte er [der Ladenbesitzer]. „Billiger als ein Fahrrad.“ [der Kauf kommt zu Stande]

28. Kapitel
… (185) Hoch über allem, sicher auf dem Dach ihres Hauses versteckt, saß Wadjda triumphierend auf Abdullahs Fahrrad …
… Abdullah war in einer verzwickten Lage. Er wollte seinen Onkel beeindrucken und seine Aufgabe gut erledigen. …
„Dich auf mein Rad zu lassen, solange ich arbeite, ist wohl ein guter Preis“, …
(188) … [Abdullah] stellte sich hinter sie.
„Dann mal los.“ Er hielt das Fahrrad fest.
… und er schob sie und trabte neben ihr her, während sie in die Pedale trat. …
… Einen Moment lang waren sie frei, zwei Kinder, die hoch über der Welt spielten. …

29. Kapitel
(189) Ehe Wadjda an diesem Abend das Licht ausmachte, griff sie vom Bett aus zum Radio und schaltete es ein. Sie ließ die Sender durchlaufen, hörte sich ein Lied an, das sie mochte, und sang es leise mit. Dann erinnerte sie sich wieder an ihren Plan. Systematisch drehte sie am Senderknopf, bis sie gefunden hatte, was sie eigentlich suchte.
„Sie hören den einen, den einzigartigen Koransender. Schalten Sie ein, jeden Tag, den ganzen Tag lang, und hören Sie Ihre liebsten Stimmen. Jetzt liest Al Hudafi die sura al-baquara“, kündigte der Radiomoderator an. …
(190) Im Wohnzimmer setzte die Mutter sich auf die Couch und zählte oud – kleine Holzstückchen, die aus Indien importiert wurden. Oud war sehr teuer. Ein paar Gramm kosteten so viel wie Wadjdas Traumfahrrad.
Wadjda kannte den Preis, sie hatte ihre Mutter begleitet, als sie das Holz von einem dicken Mann gekauft hatte … Beim Feilschen hatte er immerzu auf die Hände der Mutter gestarrt, mehr Haus hatte sie nicht gezeigt. Wie sie sich auch bewegte, was sie auch sagte, sein Blick klebte an ihren Händen. Wadjda hatte gemerkt, wie unwohl ihre Mutter sich gefühlt hatte. Irgendwann hatte sie die Hände in die Ärmel ihrer abaya gezogen, um sie vor den Blicken zu schützen. …
(191) … würde das Haus wunderbar duften. Wenn das oud verbrannte, zog ein dichter, herrlicher Nebel durch die Räume, der beim Einatmen würzig in der Nase kitzelte. …
Einen Anschluss für einen DVD-Spieler [für das Koran-Spiel] gab es nicht [auf dem alten Fernseher im Wohnzimmer] …
… es wäre so viel leichter, Vaters Fernseher zu benutzen. …
… Das Spiel war entscheidend für ihren Plan, den Wettbewerb zu gewinnen. …
Überleg dir was, Wadjda, sagte sie sich. Sonst …

30. Kapitel
… (194) Zum ersten Mal in all den Zusammenkünften, an denen Wadjda teilgenommen hatte [Religionsclub], guckte Ms Noof nicht verärgert. In ihrem Blick lag etwas ganz anderes: Stolz. Sie strahlte, als hätte sie zu Wadjdas unglaublichem Durchbruch beigetragen …

31. Kapitel
… (198) [Ms Hussa] „Wenn du so weitermachst wie jetzt, dann glaube ich, dass es dir gelingen könnte, den Wettbewerb zu gewinnen.“ Ohne Wadjda aus den Augen zu lassen, drückte sie den Knopf der Gegensprechanlage. „Ms Jamila? Bitte holen Sie doch später die Unterlagen für den Koran-Wettbewerb bei mir ab. Die Fragen sind jetzt vollständig aufgeführt. Danke.“ …
„Ich wette, die anderen Mädchen würden sterben, um zu erfahren, was da drin steht“, sagte Ms Hussa. …
(299) „Danke, Wadjda. Du kannst jetzt wieder in deine Klasse gehen.“ Dann nahm sie die Mappe vom Tisch. „Gib das bitte meiner Sekretärin.“ Sie sah Wadjda durchdringend an. …
(201) Wadjda schlug den Aktendeckel ganz zurück. Sie wollte gerade anfangen z lesen, als die Stimmen in Ms Hussas Büro lauter wurden. …
Ehe sie es sich anders überlegen konnte, klappte sie die Mappe zu, schleppte sich zu Ms Jamilas Schreibtisch und ließ die Mappe in ihren Briefkorb fallen.
Wenn ich gewinne, dann auf meine Art, dachte sie und ging weg, ohne sich umzugucken.

32. Kapitel
(202) Allahu akbar, Allahu akbar!“
Der morgendliche Aufruf zum Gebet hallte durch die Straßen und in Wadjdas dunkles Zimmer. „As-salatu khairun min an-nawm“ rief der muezzin. Das bedeutete: Beten ist besser als schlafen. …
„ummi“, sagte sie. „Glaubst du, dass es Abeer gut geht …“ …
„Nach dem, was passiert ist?“ …
(203) Die Mutter lächelte. „Natürlich, Liebling. Abeers Verlobung war der schönste Tag ihres Lebens. Sie ist ein glückliches Mädchen und sehr froh darüber, dass sie nicht mehr zur Schule gehen muss!“ …
… Wieder ertönte der Ruf zum Gebet. …
Im Badezimmer benutzte die Mutter den Duschkopf, um das wudu durchzuführen, die Waschung vor dem Gebet. …
Hinter ihr beugte Wadjda sich über das Waschbecken. Sie saugte Wasser in die Nase, um sie zu reinigen, spritzte sich mit den Händen Wasser ins Gesicht und rieb sich emsig Wasser hinter die Ohren. …
… Dabei bückte sie sich und spritzte Wasser auf ihre Füße …
… Sie spülte sich die Füße mit dem Duschkopf ab und trat aus der Kabine. „Wenn du Rad fährst, kannst du keine Kinder bekommen.“
Wieder so eine lächerliche Antwort! Jedes Mal wenn Wadjda (204) vom Fahrrad redete, schien ihre Mutter einen neuen albernen Grund zum Neinsagen zu haben. …

33. Kapitel

(207) Zum Beispiel könnte sie Vaters brandneuen Fernseher benutzen. … Sie würde nichts kaputt machen, das wusste sie, also war das ein Verbrechen ohne Opfer. …
(208) Die Schlüssel klimperten und klapperten. … Das Schloss ging auf. … Sie holte ihr [Koran-]Spiel und lud es auf den neuen Fernseher des Vaters hoch. …
„Wähle die richtige Antwort“, lautete die Anweisung. Die erste Frage tauchte auf. „Wer sind die Sabier?“
„Die was?“ sagte Wadjda laut. …
„Falsch!“ …
„Woher soll ich das wissen?“ brüllte sie den Fernseher an. …

34. Kapitel
(210) Keuchend wuchteten Wadjda und Abdullah das Fahrrad aufs Dach. …
„Was soll das?“ Sie gab dem einen kleinen Stützrad einen Tritt.
(211) „Das hilft dir beim Lernen“, sagte Abdullah. „Hör mal, ich muss mich um die Lichterkette kümmern, ich kann dich nicht den ganzen Tag im Kreis herumschieben.“ …
„Rezitieren kann ich also nicht und Rad fahren auch nicht, sehe ich das richtig? Ich hasse dich! Und, und …“ … Wütend trat sie nach Abdullahs Werkzeugkasten. …
„Ich hab sie abgenommen“, sagte er leise. „Du lernst fahren und du wirst auch gut lesen. …“

35. Kapitel

36. Kapitel

(219) In kleinen Läden durfte es keine Umkleidekabinen gebn. Frauen durften ihre Kleider nicht an ungeschützten Orten ablegen. Manche Ladeninhaber versteckten Kameras oder bohrten Löcher in die Wände der Kabinen, damit sie die Frauen nackt sehen konnten, währen dsie sich umzogen. Damit die Frauen vor zudringlichen Blicken geschützt waren, mussten sie die Kleider in öffentlichen Toiletten anprobieren. …
„Es ist viel Geld, ich weiß“, flüsterte die Mutter, „aber ich muss deinem Vater zeigen, dass er keine finden wird, die besser ist als ich.“ …

37. Kapitel
(221) … Auf der anderen Seite des Daches legte Wadjda sich waghalsig (222) in die Kurve Abdullah schaute über die Mauer und sah zu, wie die Lichterkette in der warmen Brise schaukelte. …
„Aiiiiahia!!!“ Der Schrei kam von der anderen Seite des Daches und durchbrach die friedliche rosig-goldene Abendstimmung. Wadjda und Abdullah drehten erschreckt die Köpfe.
Zu ihrem Entsetzen stand Wadjdas Mutter an der Tür zum Dach, mit offenem Mund, immer noch in ihrer Arbeitskleidung. Sie sah genauso verblüfft aus wie Wadjda und Abdullah. Schnell drehte sie sich um und drückte heimlich ihre brennende Zigarette aus. In diesem Moment schwankte Wadjda, kippte und krachte mit einem lauten Knall zu Boden. Sie verzog das Gesicht vor Schmerz und schaute ihre Mutter an. …
„Ich blute“, stöhnte sie. „Guck doch!“ …
„Du dummes Mädchen“, brüllte sie. „Glaubst du, du kannst dich aufführen wie ein Junge?“ … (223 … „Deine Ehre. Oh mein Gott, oh mein Gott, was hast du nur gemacht? Wo kommt das Blut her? Wo?“
„Von meinem Knie?“ Wadjda wusste nicht genau, warum das bisschen Blut so eine große Sache sein sollte. …
„Was?“ … „Oh Gott sei Dank, es ist nur dein Knie. Was hätten wir nur getan, wenn der Sturz deine Jungfräulichkeit verletzt hätte!“ …
„Und du!“ blaffte sie [Abdullah an]. „Was hast du dir dabei gedacht? ich werde deinem Onkel sagen, dass er dir Manieren beibringen muss. Verschwinde hier!“ …
(224) „Schäm dich! Einen Jungen mit hier hoch zu nehmen, wenn niemand zu Hause ist! Was würde dein Vater wohl machen, wen er das wüsste?“ … „Er würde dich umbringen.“

38. Kapitel

(227) Jetzt, nach Stunden in der Küche, nahm die Mutter den großen Teiller mit Reis und fleisch und ging damit zur Tür des madjlis. Sie setzte die Platte vorsichtig auf dem Boden ab, richtete ihre Haare und ihr Kleid und klopfte an. Der Vater öffnete die Tür gerade so weit, dass er sich seitlich durch den Spalt quetschen konnte, und schloss sie sofort wieder hinter sich. In dem kurzen Augenblick, in dem die Tür offen war, zog die Mutter sic aus dem Blickfeld [der männlichen Gäste im Wohnzimmer] zurück. …
„Was ist das?“ … Auf dem Bild in dem Rahmen war ein großer Baum, der an Stelle von Zweigen Linien hatte, auf denen in schöner Schrift Namen geschrieben waren. …
„Der wunderbare Stammbaum deines Vaters“, sagte die Mutter zynisch. … „Deinen Namen wirst du darauf nicht finden. Nur die Männer sind aufgeführt.“ …
(230) … [Wadjda] fuhr mit dem Finger über die Blätter und las die Namen laut vor: „Khalid, Mansour, Mohammed, Omar …“ Sie brach ab, als sie zu ihrem Vater kam. Sein Name stand ganz allein am Ende eines Zweiges. Um ihn herum standen die Namen seiner Brüder. Aus jedem sprossen viele Blätter mit den Namen von Jungen.
Lange starrte Wadjda den Stammbaum an, dann riss sie ein Blatt aus einer Zeitschrift, schrieb in großen Buchstaben ihren Namen darauf und klebte ihn mit Tesafilm unter den ihres Vaters, damit auch seine Seite des Baumes wuchs.

39. Kapitel

40. Kapitel

(238) [Abdullah] „Das ist ein Fahrradhelm“, sagte er. „Wie die Jungen und Mädchen im Fernsehen ihn tragen.“
Mit einem kleinen Freudenschrei fing Wadjda den Helm auf. …
Sie zog den Helm über ihren Schleier. Dann fuhr sie im Kreis auf dem leeren Gelände herum. Ihre abaya flatterte wieder hinter ihr her wie das Cape eines Superhelden. Immer wieder warf sie den Kopf zurück und lachte glücklich. Abdullah hockte sich auf einen Holzklotz und beobachtete zufrieden, wie sie ihre Kreise drehte. …
Das Rad schwankte, Wadjda griff wieder nach dem Lenker. Aber das Experiment hatte ihr Selbstvertrauen gegeben. Sie fuhr weiter und ließ den Lenker für immer längere Zeit los. Nun streckte sie die Arme nach beiden Seiten aus, ihre abaya glitt durch die Luft wie Flügel. …
[Abddullah] „Der Besitzer des Spielwarenladens hat Khalid und seinem Vater gesagt, dass das Fahrrad schon reserviert ist“, brüllte er. …
(239) „Ja!“, brüllte sie. „Für mich. Ich hab es gewusst!“ Begeistert stieß sie die Faust in die Luft. …

41. Kapitel
(240) … [Koran-Videospiel auf dem Fernseher von Wadjdas Vater] „Was bedeutet Mihrab?“ fragte die Roboterstimme.
„Oh, das weiß ich.“ Wadjda drückte fest auf die Taste.
„Richtig!“ jubelte die Stimme. …
Wadjda lächelte noch, als ihr Blick auf den Familienstammbaum fiel – und das Lachen verging ihr.
Ihr Name war abgenommen worden. …
(241) Der Fahrer des Autos drehte die Scheibe runter und begann mit schmeichelnder Stimme auf die Mutter einzureden. Wadjda konnte nur „Helwa, helwa“ verstehen. Dadjda fand zwar auch, dass ihre Mutter schön war, doch es klang schrecklich, wenn dieser Mann das sagte. …
(242) [die Mutter] „Wenn du uns nicht in Ruhr lässt, werfe ich dir die Scheinwerfer ein!“ …
Trotzdem fing der Kerl im Auto an zu lachen. … Dann trat er aufs Gaspedal, rief: „Ruf mich an, wenn du es dir anders überlegst!“ und raste davon. …
(243) [im Krankenhaus wegen Bewerbung] „Leila, was ist passiert?“ flüsterte die Mutter. „Warum zeigst du dein Gesicht?“
Leila lächelte selbstbewusst und winkte ohne nähere Erklärung ab. Sie ging hinter den Tresen und fing an, in einer Schublade nach einem Bewerbungsformular [für die Mutter] zu suchen. …
„Leila, meine Liebe, lass nur“, flüsterte sie. „Ich bin nicht wegen der Bewerbung hier. Wir kamen gerade vorbei und da dachte ich … da dachte ich, wir sagen mal Hallo.“
Leila sah Wadjda ins Gesicht und Wadjda musste schnell verbergen, wie überrascht sie von der Lüge ihrer Mutter war. …

42. Kapitel
(245) … Ein par Mädchen mit langen Fingernägeln wurden aus der Reihe geholt, sie bekamen Nagelschneider und wurden nach hinten geschickt. Unter den wachsamen Blicken einer Lehrerin musste sich jede von ihnen über einer Abfalltonne die Nägel schneiden. Wadjda wusste, dass man das machte, damit die abgeschnittenen Nägel sicher entsorgt werden konnten. In Saudi-Arabien glaubten viele Leute, dass jemand, der in den Besictz abgeschnittener Fingernägel oder gar abgeschnittener Haarsträhnen kam, die entsprechende Person mit einem Zauberbann belegen konnte. So etwas war unheimlich, das musste Wadjda zugeben. …
(246) „Wir haben zwei Mädchen erwischt, die hier in unserer Schule etwas äußerst Ungehöriges getan haben.“ …
„Auf unserem Schulhof.“ Sie machte eine Pause, damit allen die Ungeheuerlichkeit dessen, was sie sagte, bewusst wurde. „Ihre Namen sind Fatin Ali und Fatima Umar.“ …
„Sie treten jetzt an den Rand der Bühne, um Buße zu tun“, sagte Ms Hussa. …

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel
256 [Wahlkampagne des Onkels von Abdullah, Licherketten] …
(257) … Sie konnten Abdullahs bärtigen Onkel sehen, der die Männer bei ihrer Ankunft mit weit offenen Armen begrüßte. Abdullah war auch da, er stand in seinem besten thawb am Ende der langen Empfangsschlange. Wadjda blinzelte. Wie gut er aussah. Wie ein Popstar oder Fußballspieler, nur besser, weil er Abdullah war. …
„Oh, und erzähl niemandem etwas von deinen verrückten Fahrradplänen“, warnte die Mutter. „Sie lasen dich niemals gewinnen, wenn sie wissen, was du vorhast. Und jetzt: rezitiere.“ …

46. Kapitel
(261) [der Abend vor dem Wettbewerbstag] … „Du hast einen großen Tag vor dir“, flüsterte die Mutter. „Wenn du auf die Bühne gehst, möchte ich, dass du dir Folgendes sagst: Gott inspiriere mich, mache die Dinge für mich leichter und löse meine Zunge, damit ich fließend sprechen kann.“ …
Die Mutter beugte sich über sie und küsste sie auf die Stirn, dann stand sie auf und machte sich auf den Weg. …
(262) „Du schaffst es, das weiß ich!“, sagte sie kämpferisch. Dann schlüpfte sie hinaus auf den Flur, …

47. Kapitel
(264) … Korenrezitationswettbewerb [mit neun Mädchen]…
(265) … Währenddessen versuchte Wadjda, ihre Panik in den Griff zu bekommen. Sie hilt den kühlen, runden Stein von ihrem Vater in den Fingern, rieb ihn und ließ ihn auf der Handfläche kreisen. …
(266) … Bei richtigen Antworten gab es keinen Applaus – Klatschen galt als heidnische Angewohnheit und war auf Schulveranstaltungen streng verboten. …
(267) … Ihr schwarzer Glücksstein glitschte in ihren Händen herum. Wadjda schluckte, stand auf und machte sich bereit für den Weg nach vorn. Je näher sie dem Mikrofon kam, desto unruhiger wurde sie, denn plötzlich wurde ihr klar, wie groß dieses Achse eigentlich war. Diese Aufgabe war eine riesige Wand und sie ein Auto, das mit Höchstgeschwindigkeit darauf zu raste. Der Zusammenstoß war unvermeidlich. Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie es im Hals spüren konnte. Bestimmt hatte sie Schweißperlen auf der Stirn.
Dann stand sie vor dem Mikrofon, es war so weit.
„Welche Suren sind als Schutzsuren bekannt?“ Ms Hussas Stimme hallte durch die Aula.
Einen Atemzug lang stand Wadjda stumm da. Ms Noof und Ms Jamila wechselten vielsagende Blicke.
„Al-falaq und an-nas!“, stieß Wadjda aus. Instinktiv suchte ihr Daumen einen Knopf zum Drücken – wie beim Videospiel.
„Korrekt“, sagte Ms Hussa, …

48. Kapitel
(269) Wadjda konnte es kaum fassen, dass sie mit den Finalistinnen auf der Bühne stand. Sie war eine Finalistin! Irgendwie hatte sie die erste Runde überstanden – und die zweite. Nur drei Mädchen [Salma, Noura, Wadjda] waren noch übrig geblieben – und Wadjda würde als Letzte lesen. …
(271) Und ihre Lippen öffneten sich. Sie ließ die Worte in sich aufsteigen und mit ihnen alles, was sie im tiefsten Inneren festgehalten hatte. Die Worte quollen aus ihrem Herzen. Worte für ihr Fahrrad, für ihre Mutter und die lange Fahrt zur Arbeit, für ihren Vater und seinen einsamen Zweig am Familienstammbeim. Für Abdullah, der immer für sie da war, wenn sie in Not war. Für Fatin und Fatima, die so geknickt und verloren waren. Und für sie selbst. Worte, die alle wegschubsten, die meinten, sie würde es nicht schaffen, die allen Leuten, die nur darauf warteten, dass sie unsicher wurde und scheiterte, sagten: Nein.
(272) Zuerst war ihre Stimme leise, aber dann erhob sie sich, stieg und fiel mit der Melodie ihrer worte. Ihr Vortrag fand einen Rhythmus, und die Schönheit ihres Tonfalls brachte selbst die skeptischsten Mädchen in der letzten Reihe dazu, sich aufrecht hinzusetzen. Wadjdas Stimme ertönte laut, stieg auf bis an die Decke und wurde dabei immer stärker und eindringlicher.
„Spricht man zu ihnen: „Stiftet kein Unheil auf Erden“, so sagen sie: „Wir sind ja die Rechtschaffenen.““ …
„Danke“, sagte Ms Hussa schließlich. „Das war sehr gut.“

49. Kapitel
(273) … Die Gewinnerin des Koranrezitationswettbewerbs war noch nicht ausgerufen worden. Vorher kam das Gebet. …
… Ms Hussa bildete mit den Kandidatinnen die erste Reihe. …
(274) … Ms Hussa [packte] den Ärmel von Wadjdas abaya und zog sie näher an sich heran, damit sie ihr etwas zuflüstern konnte.
„Gute Muslime müssen dicht zusammen stehen, damit der Teufel …“, sie machte ein Kopfbewegung in Richtung Fatin und Fatima, „Sich nicht dazwischen drängen kann.“
Damit stellte sie ihren rechten Fuß auf Wadjdas linken, das war die traditionelle Haltung für das Gruppengebet. Die Imame (275) lehrten, dass freier Raum zwischen den Körpern der Betenden verboten war. Die Betenden mussten eine starke, undurchdringliche Mauer bilden.

50. Kapitel

(277) … „Hier bei mir auf der Bühne sind die drei Finalistinnen des Schulwettbewerbs. Zwei von ihnen werden eine Urkunde erhalten, nur die Gewinnerin bekommt den Geldpreis für den ersten Platz.“ …
„Wadjda Al Safan, du bist unsere Siegerin“, sagte Ms Hussa. Ein ganz untypisches Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Herzlichen Glückwunsch“! …
War das möglich? Ja. Sie hatte es geschafft, sie war die Siegerin. …
(278) „Wadjda, du stehst heute an dieser Stelle, weil du fromm und ausdauernd gewesen bist. Ich hoffe, alle Mädchen, die heute hier versammelt sind, nehmen sich ein Beispiel an dir.“ …
Das Lob war schön. Die Auszeichnung sah cool aus. Aber so gut wie das Geld – oder ihr Fahrrad – war beides nicht.
„Alf mabruk, bint Al Safan“, sagte Ms Hussa. Das war Wadjdas Stammesname und bedeutete „“die Tochter von Al Safan“. Das war ein großes Kompliment, das zeigen sollte, dass Wadjda ihrer ganzen Familie Ehre gemacht hatte. …
(279) „Erzähl uns, was du mit dem Preisgeld vorhast!“ …
„Nun, Wadjda? Was machst du mit dem Preisgeld?“
Wadjda hielt das Mikrofon an die Lippen, nahm ihren Mut zusammen und tat, was sie tun musste.
„Ich kaufe ein Fahrrad in dem Laden am Ende der Straße!“, verkündete sie und lächelte Ms Hussa unbefangen an.
Im Publikum wurde gekichert und gelacht.
„W … Was?“, stammelte Ms Hussa erschüttert.
Wieder sah Wadjda zu Fatin und Fatima. „Ich kaufe ein Fahrrad“, wiederholte sie ganz sachlich. „Eines ohne Stützräder, denn ich kann schon Rad fahren.“
(280) „Nun, Wadjda“, Ms Hussa gewann die Fassung zurück und räusperte sich: „Würdest du das Geld nicht lieber unseren kämpfenden Brüdern in Palästina spenden?“
Palästina. Das war ein Schlag in die Magengrube. Von Geburt an hatte man Wadjda gelehrt, dass es da keine Einwände gab, dies war die einzige Bitte, die man nicht abschlagen konnte. Palästina war das Zauberwort, das Gehorsam einforderte. Alle saudischen Muslime wussten, dass sie diesen Kampf fraglos zu unterstützen hatten. …
Aber Palästina? Das Geld war weg!
Der Kummer zerriss ihr das Herz. …
(281) „Ein Fahrrad ist nichts für Mädchen, Wadjda.“ Jede Silbe war deutlich und klar. „Schon gar nicht für gute muslimische Mädchen, die ihre Ehre beschützen müssen.“
Die Worte trafen Wadjda wie kleine Bleigeschosse. …
„Abgesehen davon bin ich sicher, dass deine Familie das nicht erlauben würde.“ Sie hob die Stimme. „Wir werden das Geld – in deinem Namen – unseren kämpfenden Brüdern und Schwestern in Palästina spenden.“
Ein Wutschrei stieg in Wadjda auf, den sie nur mit großer Anstrengung unterdrücken konnte. …
„Du darfst die Bühne jetzt verlassen“, flüsterte Ms Hussa Wadjda grimmig zu. …

51. Kapitel
(283) [Abdullah] „Was ist denn? Hast du nicht gewonnen?“, fragte er. „Wo ist das Geld?“
„In Palästina!“ antwortete Wadjda verbittert und ging genauso schnell weiter. …
(284) „Was redest du da?“ fragte er schroff. Das würde sie vielleicht zur Besinnung bringen. „Hast du denn keinen anderen Plan? Du hast doch immer einen Plan.“ …
„Ich schenke dir mein Rad“, sagte er plötzlich. Das war ein großes Opfer. Aber mittlerweile war er zu allem bereit, das Wadjda wieder aufmuntern konnte.
Betrübt schüttelte sie den Kopf. „Dann können wir doch nicht um die Wette fahren.“ …
Irgendwie, dachte Abdullah, muss ich einen Weg finden, alles wieder in ordnung zu bringen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und rief: „Hey, Wadjda“!
Sie drehte sich um, ihr Gesicht war ganz traurig.
(285) „Du weißt doch, dass ich dich heirate, wenn wir erwachsen sind, oder?“
Wadjda lächelte ihn traurig an. …

52. Kapitel
(286) „Hey, endlich! Du bist zu Hause.“ Das klang, als habe er [der Vater] den ganzen Tag auf sie gewartet.
Wadjda sah ihn argwöhnisch an. Wenn ihr Vater vor Einbruch der Nacht zu Hause saß, war das in etwa so, als würde man in den Gassen von Riad ein Einhorn entdecken. So etwa passierte einfach nicht. …
„Deine Mutter nimmt meine Anrufe nicht an“, sagte er … „Ich versuche schon seit Stunden sie anzurufen. Wo ist sie?“ …
„Du hast gewonnen?“, rief er aufgeregt. „Nicht zu fassen. Das ist ja fantastisch!“
Er sprang auf, zog seine Tochter an sich und umarmte sie stolz. Wadjda legte den Kopf auf seine Schulter. Er fühlte sich sehr stark an. Ein paar Tränen liefen ihr aus den Augen, obwohl sie sich so sehr um Beherrschung bemühte. Überrascht hielt der Vater sie auf Armeslänge vor sich. Er runzelte die Stirn.
„Hey, warum weinst du? Du hast gewonnen. Du solltest dich freuen!“
Da war Wadjda bereit, ihm alles zu erzählen. Vom Geld und vom Fahrrad, von Fatin und Fatima und von Abeer. All das wollte sie in einem Strom von Tränen rauslassen. Aber als sie den Mund aufmachte, klingelte das Handy des Vaters. Er ließ ihre Schultern los, schnappte sich das Handy und ging zum Telefonieren auf den Flur. …
Nach wenigen Augenblicken flüsterte er der Person am anderen Ende etwas zu und legte auf. Dann ging er mit energischen Schritten in den madjlis und sammelte seine Sachen zusammen. Als er fertig war, kniete er sich vor Wadjda hin und legte ihr die Hand zährlich auf die Wange.
„Sag deiner Mutter, dass ich auf sie gewartet habe. Sag ihr, ich wollte mit ihr reden. Sag ihr …“
(288) „Sag ihr, ich liebe sie.“ …
„Ich bin so stolz auf dich, meine kleine Siegerin“, sagte er.
In der Tür drehte er sich noch einmal um, … als er Wadjda entschuldigend zulächelte. …

53. Kapitel
(290) … Wo war die Mutter?
(291) … Im Waschbecken klebten frisch abgeschnittene Haare. …
Nun aber schnell. Wenn die Mutter zu Hause war, dann gab es nur einen Ort, an dem sie sein konnte. Wadjda rannte die Treppe hoch aufs Dach, ihr Herz klopfte wie wild bei jedem Schritt.

54. Kapitel
(292) Vorsichtig schob Wadjda die Tür zum Dach auf. Da hinten stand die Mutter, ihre Silhouette hob sich vor der Dunkelheit ab. Sie rauchte eine Zigarette, deren Spitze rot im Dunkeln glomm. …
„Ich hab die Neuigkeit gehört.“ Sie lächelte Wadjda traurig zu. „Herzlichen Glückwunsch. Ich bin so stolz auf dich.“
(293) „Sie haben mir das Geld nicht gegeben.“ Wadjda ließ die Schultern hängen. …
„Vergiss es.“ Ihre Hände waren sanft, doch ihre Stimme klang scharf. „Du brauchst ihr Geld nicht.“
Wadjda blinzelte erstaunt. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also schaute sie runter auf das Treiben am anderen Ende der Straße.
„Ist das nicht Großmutters Haus? Aber ich dachte, der Onkel heiratet erst nächsten Monat?“
Sie schaute ihre Mutter an.
„Sie feiern nicht die Hochzeit deines Onkels“, sagte die Mutter. Ihre Stimme klang rau, so als müsse sie sich zum Sprechen zwingen. …
Und dann begriff sie es. Ihre Augen wurden ganz groß. Wadjda warf die Arme um ihre Mutter und drückte sie mit aller Kraft. Panik und Schmerz durchzuckten sie, als sie sich vorzustellen versuchte, wie ihre Mutter den Tanz der verzweifelten Frauen tanzte. Ihre wunderschöne Mutter, ein bemitleidetes Wesen!
Der Schmerz brachte sie zusammen und sie umarmten sich lange. …
(294) „Es ist in Ordnung“, sagte sie leise. „Er hat seine Entscheidung getroffen. Von jetzt an sind wir zu zweit. Wir schaffen das.“
Wadjda schaute zu ihr auf, noch mehr Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Komm, wir kaufen das rote Kleid, gehen hin und holen ihn!“, sagte sie. …
„Das rote Kleid nützt nichts mehr“, sagte die Mutter zärtlich. „Abgesehen davon habe ich mein ganzes Geld schon ausgegeben.“
Wofür?, wollte Wadjda fragen. Aber ihre Mutter leif schon auf die andere Seite des Daches und zog an der Schnur, die neben der nackten Glühbirne n der Wand baumelte. Das Licht flackerte kurz und dann schien es auf …
Das grüne Fahrrad!
Unmöglich! Aber da war es, es stand auf dem staubigen Betondach. Und es glänzte im Licht der Glühbirne. …
Jetzt war es mehr als ein Fahrrad. Es war das einzige Risiko, das ihre Mutter je eingegangen war, das einzige Mal, dass sie gewagt hatte, aus der Reihe zu tanzen. …
(295) „Hoffentlich ist es das richtige Rad“, flüsterte die Mutter unter Tränen. „Der Ladenbesitzer sagte, er halte es schon seit Wochen für ein mutiges kleines Mädchen zurück.“ …

55. Kapitel
… (297) Stattdessen trat sie die Pedale und fuhr weiter, weg von diesem Ort und allem, was mit ihm zusammenhing. Die Worte ihrer Mutter klangen ihr noch in den Ohren: Er hat seine Wahl getroffen.
Ich auch, dachte Wadjda. Ich treffe meine Wahl ebenfalls. Und zwar die, glücklich zu sein. Diese Wahl traf sie auch für ihre Mutter. …
„Hey!“, rief sie.
Abdullah schaute hoch, er blinzelte gegen die Sonne. Wadjda lächelte ihn an uns sprang auf ihr Rad. …
Wadjda war seine Freundin, die beste Freundin, die er nur finden konnte. …
(298) „Dann los jetzt!“, rief er, sprang aufs Rad und gab alles, um Wadjda einzuholen, die vorausgefahren war. …
Der andere Mann jedoch war genauso geschockt wie Abdullahs Freunde. Ein Mädchen auf einem Rad! Verwirrt blinzelte er den Ladenbesitzer an. Der alte Mann lächelte nur achselzuckend. Wadjda und Abdullah verschwanden am anderen Ende der Straße.
„Wahrlich, eine neue Welt“, murmelte der alte Mann schmunzelnd. …
„Fang mich doch, wenn du kannst!, brüllte sie und raste an ein paar Männern vorbei. Sie drehten die Köpfe und schauten ihr missbilligend hinterher. Aber Wadjda war längst weg.
Sie legte noch einen Sprint ein und sauste Abdullah davon … Endlich fuhr sie ihren Traum – und nie würde sie jemand einfangen.
(299) … Ein Gefühl von Freiheit überwältigte sie, ein Glücksgefühl, ein Gefühl tiefer Dankbarkeit.
Leicht ist nichts im Leben, dachte sie. Aber der Preis, den ich hierfür bezahlt habe, war es wert!
Die Autos sausten vorbei. Das grüne Fahrrad wartete, es war beriet, sie überall hinzubringen, wohin sie nur wollte.
Wadjda schaute nach vorn und richtete den Blick auf einen Punkt in der Ferne. Sie konnte ihn nicht so ganz genau sehen, doch sie wusste, dass er da war. Und dass die Zukunft ihr gehörte.

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Das Mädchen WADJDA وجدة (sprich: wie engl. „watch“, also „watch“ und drangehängt „da“) ~

Preisträger DEUTSCHER JUGENDLITERATUR PREIS 2016, Kategorie Kinder, 11 J. (Bekanntgabe am 21. Oktober 2016 auf der Frankfurter Buchmesse)

http://www.djlp.jugendliteratur.org/kinderbuch-2/artikel-das_maedchen_wadjda-4031.html

Hayfa Al Mansour (Text)
Catrin Frischer (Übersetzung)
Das Mädchen WADJDA
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
cbt Verlag
€ 12,99

ISBN: 978-3-570-16378-8

Begründung der Jury:

Das Mädchen Wadjda ist das erste Kinderbuch der saudi-arabischen Autorin und eine Adaption ihres gleichnamigen Spielfi lmes. Die elfjährige Wadjda ist ein energisches und mutiges Mädchen, das Regeln und Konventionen nicht einfach hinnehmen will. Sie macht sich ihre eigenen Gedanken über das Leben in Riad im Allgemeinen und das von Frauen im Besonderen. Warum darf sie nicht so wie ihr bester Freund Abdullah Fahrrad fahren? Nichts wünscht sie sich sehnlicher als das grüne Fahrrad im Laden um die Ecke. Doch für Mädchen gehört sich das in diesem Land nicht.

Ein Leben in engen Grenzen, Einblicke in die Problematik der Zweitfrau, die Stellung des Mannes in der arabischen Welt – hier schreibt eine Autorin aus der Innensicht ihres Kulturkreises. Das grüne Fahrrad wird zum Symbol für Rebellion, Freiheit und Gleichberechtigung. Gleichzeitig drückt Wadjda mit ihrem Wunsch nach einem Fahrrad etwas allgemein Kindliches aus. Die spannende und berührende Geschichte führt in eine fremde Welt, sie schärft die Wahrnehmung für den arabischen Kulturraum, vermittelt Weltwissen und wirbt um Verständnis und Verstehen. Sie zeigt, was Freiheit meint, und wie wichtig es ist, sie zu verteidigen.

In der literarischen Umsetzung ihres Drehbuches gelingt es der Autorin durch interessante Wechsel der Innen- und Außenperspektive, überzeugend darzustellen, wie man sich in einer Gesellschaft mit strengen Normen eine Nische schaff en kann. Die dichte Erzählweise hat Catrin Frischer in ihrer Übersetzung aus dem Englischen gekonnt wiedergegeben.

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der Film auf WikipediA

der Film auf YouTube

Der Film wird gezeigt am 28. November 2016 auf ARTE TV um 14:05 Uhr “Das Mädchen Wadjda”

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DIE ZEITEN ÄNDERN SICH:
Das jahrzehntelange Kinoverbot wurde Ende 2017 aufgehoben (vom saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman,). Das Königreich nahm 2018 mit einer Reihe von Kurzfilmen am Filmfestival von Cannes teil.
Haifaa al-Mansur (saudi-arabische Regisseurin des Films “Das Mädchen Wadjda”, siehe oben Buch-Preread) freue ich darauf, Teil der Entstehung der Filmindustrie in ihrem Heimatland zu sein.
afp, 7.8.2018, GA Bonn, Feuilleton, S. 11, Personalien

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