von des Turmes höchster Spitze

Fotomontage: der Turm des Hotels Bad Schachen und ich, auf dem Turm fotografiert ~ dazu passt:

Victor von Scheffel: Der Trompeter von Säkkingen – Kapitel 19

(Quellenangabe http://gutenberg.spiegel.de/buch/5087/19 )

Von des Turmes höchster Spitze

Schau’ ich in die Welt herein,

Schaue auf erhab’nem Sitze

In das Treiben der Partein.

Und die Katzenaugen sehen,

Und die Katzenseele lacht,

Wie das Völklein der Pygmäen

Unten dumme Sachen macht.

Doch was nützt’s? ich kann den Haufen

Nicht auf meinen Standpunkt ziehn,

Und so laß ich ihn denn laufen,

‘s ist wahrhaft nicht schad’ um ihn.

Menschentun ist ein Verkehrtes,

Menschentun ist Ach und Krach;

Im Bewußtsein seines Wertes

Sitzt [der Kater] die Katze auf dem Dach! –

und hier alle

Lieder des Katers Hiddigeigei.

I.

Eigner Sang erfreut den Biedern,

Denn die Kunst ging längst ins Breite,

Seinen Hausbedarf an Liedern

Schafft ein jeder selbst sich heute.

Drum der Dichtung leichte Schwingen

Strebt’ auch ich mir anzueignen;

Wer wagt’s, den Beruf zum Singen

Einem Kater abzuleugnen?

Und es kommt nicht minder teuer,

Als zur Buchhandlung zu laufen

Und der andern matt’ Geleier

Fein in Goldschnitt einzukaufen.

II.

Wenn im Tal und auf den Bergen

Mitternächtig heult der Sturm,

Klettert über First und Schornstein

Hiddigeigei auf zum Turm.

Einem Geist gleich steht er oben,

Schöner, als er jemals war.

Feuer sprühen seine Augen,

Feuer sein gesträubtes Haar.

Und er singt in wilden Weisen,

Singt ein altes Katerschlachtlied,

Das wie fern Gewitterrollen

Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.

Nimmer hören ihn die Menschen,

Jeder schläft in seinem Haus,

Aber tief im Kellerloche

Hört erblassend ihn die Maus.

Und sie kennt des Alten Stimme,

Und sie zittert, und sie weiß:

Fürchterlich in seinem Grimme

Ist der Katerheldengreis.

III.

Von des Turmes höchster Spitze

Schau’ ich in die Welt herein,

Schaue auf erhab’nem Sitze

In das Treiben der Partein.

Und die Katzenaugen sehen,

Und die Katzenseele lacht,

Wie das Völklein der Pygmäen

Unten dumme Sachen macht.

Doch was nützt’s? ich kann den Haufen

Nicht auf meinen Standpunkt ziehn,

Und so laß ich ihn denn laufen,

‘s ist wahrhaft nicht schad’ um ihn.

Menschentun ist ein Verkehrtes,

Menschentun ist Ach und Krach;

Im Bewußtsein seines Wertes

Sitzt der Kater auf dem Dach! –

IV.

O die Menschen tun uns unrecht,

Und den Dank such’ ich vergebens,

Sie verkennen ganz die feinern

Saiten unsers Katzenlebens.

Und wenn einer schwer und schwankend

Niederfällt in seiner Kammer,

Und ihn morgens Kopfweh quälet,

Nennt er’s einen Katzenjammer.

Katzenjammer, o Injurie!

Wir miauen zart im stillen,

Nur die Menschen hör’ ich oftmals

Graunhaft durch die Straßen brüllen.

Ja, sie tun uns bitter unrecht,

Und was weiß ihr rohes Herze

Von dem wahren, tiefen, schweren,

Ungeheuren Katzenschmerze?

V.

Auch Hiddigeigei hat einstmals geschwärmt

Für das Wahre und Gute und Schöne.

Auch Hiddigeigei hat einst sich gehärmt

Und geweint manch sehnsüchtige Träne.

Auch Hiddigeigei ist einstmals erglüht

Für die schönste der Katzenfrauen,

Es klang wie des Troubadours Minnelied

Begeistert sein nächtlich Miauen.

Auch Hiddigeigei hat mutige Streich’

Vollführt einst, wie Roland im Rasen,

Es schlugen die Menschen das Fell ihm weich,

Sie träuften ihm Pech auf die Nasen.

Auch Hiddigeigei hat spät erst erkannt,

Daß die Liebste ihn schändlich betrogen,

Daß mit einem ganz erbärmlichen Fant

Sie verbotenen Umgang gepflogen.

Da ward Hiddigeigei entsetzlich belehrt,

Da ließ er das Schwärmen und Schmachten,

Da ward er trotzig in sich gekehrt,

Da lernt’ er die Welt verachten.

VI.

Schöner Monat Mai, wie gräßlich

Sind dem Kater deine Stunden,

Des Gesanges Höllenqualen

Hab’ ich nie so tief empfunden.

Aus den Zweigen, aus den Büschen

Tönt der Vögel Tirilieren,

Weit und breit hör’ ich die Menschheit

Wie im Taglohn musizieren.

In der Küche singt die Köchin,

Ist auch sie von Lieb’ betöret?

Und sie singet aus der Fistel,

Daß sie Seele sich empöret.

Weiter aufwärts will ich flüchten,

Auf zum luftigen Balkone,

Wehe! – aus dem Garten schallt der

Blonden Nachbarin Kanzone.

Unterm Dache selber find’ ich

Die gestörte Ruh’ nicht wieder,

Nebenan wohnt ein Poet, er

Trillert seine eignen Lieder.

Und verzweifelt will ich jetzo

In des Kellers Tiefen steigen,

Ach! – da tanzt man in der Hausflur,

Tanzt zu Dudelsack und Geigen.

Harmlos Volk! In Selbstbetäubung

Werdet ihr noch lyrisch tollen,

Wenn vernichtend schon des Ostens

Tragisch dumpfe Donner rollen!

VII.

Mai ist’s jetzo. Für den Denker,

Der die Gründe der Erscheinung

Kennt, ist dieses nicht befremdlich.

In dem Mittelpunkt der Dinge

Stehn zwei alte weiße Katzen,

Diese drehn der Erde Achse,

Dieser Drehung Folge ist dann

Das System der Jahreszeiten.

Doch warum im Monat Maie

Ist das Aug’ mir so beweglich,

Ist das Herz mir so erreglich?

Und warum wie festgenagelt

Muß im Tag ich sechzehn Stunden

Zum Balkon hinüberschielen,

Nach der blonden Mullimulli,

Nach der schwarzen Stibizzina?

VIII.

In den Stürmen der Versuchung

Hab’ ich lang schon Ruh’ gefunden,

Doch dem Tugenhaftsten selber

Kommen unbewachte Stunden!

Heißer als in heißer Jugend

Überschleicht der alte Traum mich,

Und beflügelt schwingt des Katers

Sehnen über Zeit und Raum sich.

O Neapel, Land der Wonne,

Unversiegter Nektarbecher!

Nach Sorrent möcht’ ich mich schwingen,

Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom

Dunkeln Meer das weiße Segel,

Im Olivenwald ertönt ein

Süß Konzert der Frühlingsvögel.

Zu der Loggia schleicht Carmela,

Sie, die schönste aller Katzen,

Und sie streichelt mir den Schnauzbart,

Und sie drückt mir leis die Tatzen,

Und sie schaut mich an süß schmachtend –

Aber horch, es tönt ein Knurren.

Ist’s vom Golf der Wellen Rauschen?

Ist es des Vesuvius Murren?

s ist nicht des Vesuvius Murren,

Der hält jetzo Feierstunde,

– In dem Hof, Verderben sinnend,

Bellt der schlechtste aller Hunde.

Bellt der schechtste aller Hunde,

Bellt Krakehlo, der Verräter,

Und mein Katertraum zerrinnet

Luftig in den blauen Äther.

IX.

Hiddigeigei hält durch strengen

Wandel rein sich das Gewissen,

Doch er drückt ein Auge zu, wenn

Sich die Nebenkatzen küssen.

Hiddigeigei lebt mit Eifer

Dem Beruf der Mäusetötung,

Doch er zürnt nicht, wenn ein andrer

Sich vergnügt an Sang und Flötung.

Hiddigeigei spricht, der Alte:

Pflück’ die Früchte, eh’ sie platzen;

Wenn die magern Jahre kommen,

Saug an der Erinn’rung Tatzen!

X.

Auch ein ernstes gottesfürchtig

Leben nicht vor Alter schützet,

Mit Entrüstung seh’ ich, wie schon

Graues Haar im Pelz mir sitzet.

Ja die Zeit tilgt unbarmherzig,

Was der einzle keck geschaffen –

Gegen diesen scharfgezahnten

Feind gebricht es uns an Waffen.

Und wir fallen ihm zum Opfer,

Unbewundert und vergessen;

– O ich möchte wütend an der

Turmuhr beide Zeiger fressen!

XI.

Vorbei ist die Zeit, wo der Mensch noch nicht

Den Erdball unsicher machte,

Wo der Urwald unter dem Vollgewicht

Des Mammutfußtritts erkrachte.

Vergeblich spähst du in unserm Revier

Nach dem Löwen, dem Wüstensohne;

Es ist zu bedenken: wir leben allhier

In sehr gemäßigter Zone.

In Leben und Dichtung gehört das Feld

Nicht dem Großen und Ungemeinen;

Und immer schwächlicher wird die Welt,

Noch kommen die Kleinsten der Kleinen.

Sind wir Katzen verstummt, so singt die Maus,

Dann schnürt auch die ihren Bündel;

Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus

Das Infusorien-Gesindel

XII.

An dem Ende seiner Tage

Steht der Kater Hiddigeigei,

Und er denkt mit leiser Klage,

Wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze

Reicher Weisheit Lehren geben,

Dran in Zukunft manche Katze

Haltpunkt fänd’ im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,

– Liegen dort so manche Steine,

Dran wir Alte, schmählich stolpernd,

Oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben birgt viel Hader

Und schlägt viel unnütze Wunden,

Mancher tapfre schwarze Kater

Hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,

Und ich hör’ die Jungen lachen,

Und sie treiben’s noch viel dummer,

Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;

Mögen sehn sie, wie sie’s treiben!

– Hiddigeigeis Lehrgedichte

Werden ungesungen bleiben.

XIII.

arm wird matter, Stirn wird bleicher,

Balde reißt des Lebens Faden,

Grabt ein Grab mir auf dem Speicher,

Auf der Walstatt meiner Taten!

Fester Kämpe, trug die ganze

Wucht ich hitzigen Gefechtes:

Senkt mich ein mit Schild und Lanze

Als den Letzten des Geschlechtes.

Als den letzten, – o die Enkel,

Nimmer gleichen sie den Vätern,

Kennen nicht des Geists Geplänkel,

Ehrbar sind sie, steif und ledern.

Ledern sind sie und langweilig,

Kurz und dünn ist ihr Gedächtnis;

Nur sehr wen’ge halten heilig

Ihrer Ahnherrn fromm Vermächtnis.

Aber einst, in fernen Tagen,

Wenn ich längst hinabgesargt bin,

Zieht ein nächtlich Katerklagen

Zürnend über euren Markt hin.

Zürnend klingt euch in die Ohren

Hiddigeigeis Geisterwarnung:

»Rettet euch, unsel’ge Toren,

Vor der Nüchternheit Umgarnung!«

Der Trompeter von Säkkingen ~ behüt’ Dich Gott

Das ist im Leben häßlich eingerichtet,

Daß bei den Rosen gleich die Dornen steh’n,

Und was das [arme Herz]1 auch sehnt und dichtet,

[Zum Schluße]2 kommt das Voneinandergehn.

In deinen Augen hab’ ich einst gelesen,

Es blitzte drin von Lieb’ und Glück ein Schein:

Behüt’ dich Gott, es wär so schön gewesen,

Behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

Leid, Neid und Hass, auch ich hab’ sie empfunden,

Ein sturmgeprüfter, müder Wandersmann.

Ich träumt’ von Frieden dann und stillen Stunden,

Da führte mich der Weg zu dir hinan.

In deinen Armen wollt’ ich ganz genesen,

Zum Danke dir mein junges Leben weih’n!

Behüt’ dich Gott! Es wär zu schön gewesen!

Behüt’ dich Gott! Es hat nicht sollen sein! –

Die Wolken flieh’n, der Wind saust durch die Blätter,

Ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld,

Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter;

Grau, wie der Himmel, steht vor mir die Welt.

Doch wend’ es sich zum Guten oder Bösen,

Du schlanke Maid, in Treuen denk’ ich dein:

Behüt’ dich Gott, es wär so schön gewesen,

Behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein! –